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Geheimnisse aus der Redaktion

Das war's - bis jetzt!

Ultimos Chefreporter zieht Bilanz:
Ächz, stöhn, fünfhundert Lokalreportagen...

Mal überlegen: 1996 bis heute, das sind für mich 26 Jahre, das sind mehr als 500 Lokalreportagen in Ultimo. Und jeden Montag nach Hefterscheinung die Frage: „Haben wir schon ein Thema für die nächste Ausgabe? Erstaunlich, dass noch nie ein Ultimo ohne die „große Geschichte erscheinen musste, bisher hat es immer irgendwie geklappt. Auch wenn es oft genug so abläuft - Quelle: „Ich habe superheiße Anekdoten zu berichten! - Wir: „Echt? Geil, her damit! - Quelle: „Gerne, nur leider darf nichts davon veröffentlicht werden. - Wir: „Hmpff!

Viele Interviews haben unser Allgemeinwissen erheblich bereichert, etwa die Reportage über die der Wissenschaftsjournalistin Susanne Wedlich aus Münster und ihr Lieblingsthema: Der Schleim in der Kulturgeschichte. Oder über Dr. Helge Nieswandt und Alkohol in der Antike...

Wieder was gelernt

Viele Lokalgeschichten haben uns außerdem zu echten Münster-Experten gemacht: Wir wissen jetzt alles über die Historie der Münsteraner Friedhöfe, Straßenbeleuchtung oder Kriminalfälle. Viele positive Rückmeldungen bekamen wir auf unsere dreiteilige Reportage über die „Brunnenszene der 70er bis 80er Jahre am Lambertibrunnen. Etliche fühlten sich an ihre Jugend erinnert. (In den 80ern stand unser Chefreporter als Kidpunker auch am Lambertibrunnen und ging Westbam auf den Keks, der sich damals noch „Frank Xerox nannte. Und der legendär-berüchtigte „Zigeunermichel raubte den armen 14-jährigen Carsten am Brunnen dann mit dem Messer aus...)

Audienz beim König

Und was hatten wir für interessante Gesprächspartner! Zum Beispiel Malle-König Jürgen Drews, mit dem ein geplantes 20-Minuten-Telefonat in eine eineinhalbstündige Plauderei ausartete. Oder Mickie Krause, der uns zuhause empfing und erst das Bad fertig wischen musste („Meine Frau hat mich verdonnert), bevor er sich zum Ultimo-Interview setzen konnte. Oder der „Fon (König) Nyonga III. von Balinyonga, einem westafrikanischen Stammesreich, der mal in Münster studiert hatte und uns klagte, dass Regieren ganz schön stressig sei...

Ein schräges Missverständnis gab es mit einer Uni-Professorin, die Experimente mit Vaginalsekreten machte. Sie erzählte: „Die Sekrete von Studentinnen werden bei uns gepoolt und dann...

Ultimos Chefreporter verstand „gepuhlt und war irritiert.

Hochstapeleien

Manchmal gab's auch Ärger: Pornodarstellerin „Dirty Tina aus Münster fühlte sich in Ultimo unlegitimiert zitiert und verlangte eine vierstellige Eurosumme als Kompensation. Nüscht gab's! Mit ihrer Münsteraner Kollegin „Texas Patti hatten wir dagegen überhaupt keine Unstimmigkeiten.

Den größten Ärger hatten wir mit Ewig-Jurastudent und Dauerkläger René S. aus Münster. Er verklagte Ultimo wegen einer wenig positiven Story unseres Chefreporters über ihn, inkl. Karikatur. Doch der Staatsanwalt sah keine Ermittlungsgrundlage und bügelte die Sache ab. Später hat S. übrigens auch Til Schweiger und Angela Merkel verklagt...

Herrlich das Interview mit Hochstaplerkönig Gerd Postel (siehe Wiki), der auch in Münster sein Unwesen getrieben hatte. Er versuchte, uns sofort manipulativ einzuspannen. Der Typ ist unglaublich - kein Wunder, dass ihm so viele auf den Leim gingen.

Westfälisches Voodoo

Ein denkwürdiges Gespräch ergab sich auch in einem abgerockten Kellerstudio am Inselbogen, in dem wir uns von Tom Ketzah und den Monstah City Freekz die Subkultur der Juggalos erklären ließen. Whoop, whoop!

Die legendärste Reportage war aber wohl eine Pilgertour zur „Mutter Chottes nach Telgte. Die Gnadenkapelle bietet derart viele Skurrilitäten, dass man als sachlich-aufgeschlossener Betrachter gar nicht alles notieren kann. Wow, das ist westfälisches Voodoo!

Leon hat's drauf

Viel Spaß hatte unser Reporter auf der Polizeimesse Ipomex (inkl. Kampfsport-Vorführung von Polizeiteam gegen „Demonstranten), der Sexmesse in Hiltrup („Bettstiefel? Wie kann man damit bloß schlafen?) und der Esoterik-Messe ebendort, wo er ein Aura-Polaroid als Souvenir erstand.

Denkwürdig auch das Telefoninterview mit dem damals unbekannten Studi Leon Windscheid, der uns erzählte, er plane ein Ausflugsschiff auf dem Kanal. Auf die Frage nach seinem Finanzierungsplan deutete er nur an, er habe da so eine Idee... Hätte er gesagt, er müsse nur noch eben die Million bei Günther Jauch gewinnen, hätten wir sicher lachend aufgelegt!

Schreib das nicht!

Manche Interviewpartner wollen hinterher (meist die besten) Passagen nicht gesagt haben. Bei Münsters Folkpunkern Mr. Irish Bastard musste das Gespräch, das stilecht in einem Irish Pub geführt werden sollte - wegen Ruhetag in einer Weinstube stattfinden: „Schreib' das bloß nicht im Ultimo! Das ist imageschädigend!

Bestimmte Themen schlagen auf den Magen: Der Kriminalkommissar und Entomologe Ulrich Bux, der schon zahlreiche Münsteraner Mordfälle aufgeklärt hat, schilderte uns sehr plastisch und realitätsnah, wie er aus dem Entwicklungsstadium von Fliegenlarven auf die Liegezeit von Leichen schließt (kotz!).

Auch die Reportage über die Blutegel von Stephan Schorn war ziemlich gruselig („Welches Tier hat zehn Augen, achtzehn Hoden, drei Kiefer und 240 spitze Zähne?), weil er auf die Gefahr hinwies, dass ein Blutegel bei einer medizinischen Hämorrhoiden-Therapie plötzlich in den Darm entwischen kann...

Things to come

In Erinnerung bleibt auf jeden Fall unser größter Fan und penibelster Kritiker Walter Kutsch (R.I.P.), der bis 2019 jede Ultimo-Ausgabe sammelte, katalogisierte und in Buchform gebunden archivierte. In seiner privaten Monasteria-Bibliothek waren wir oft zu Gast, um eigene Artikel nachzuschlagen, die wir in unserem Gerümpel-Archiv nicht wiederfanden.

Bedanken müssen wir uns auch bei Bianca Fialla vom LWL-Naturkundemuseum, die uns schon oft zu spannenden Ausstellungs-Vorschauen verholfen hat. Und bei Dino Niemann, der immer wieder neue Einträge für unser Lexikon Münsters Provinzkomplex auf der Abgang-Seite aufspießt. Und bei Sängerin Giulia Wahn für so viel Freundlichkeit und Professionalität.

Reportagen, die wir gerne noch schreiben würden: „Die Chronik des Müllsammlers, „Münster, der Gerd Postel unter den Städten und „Münsters größte Idioten, das Lexikon von A bis Z. Mal sehen, vielleicht demnächst...

Carsten Krystofiak