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Münster-Podcasts

Das neue Sabbeln

Vom ex-Sheriff zum Tierversteher zum Schleichwerbeplauderer:
Münster-Podcasts ohne Ende

Nach dem Hörbuch ist der Podcast als Audio-Konserve für unterwegs das angesagte Unterhaltungsformat. Treffen sich zwei Typen heute auf einen Kaffee, kommt das Klemm-Mikro an die Tischkante und das Geplauder wird als Podcast hochgeladen - jo mei, hier kommt a MP3! Inzwischen gibt es neben den klassischen Themenpodcasts unzählige politische Podcasts, Sportcasts und sogar Porncasts... Wer hat eigentlich die Zeit, sich das alles anzuhören? Natürlich mischen auch Hosts aus Münster kräftig mit. Wir stellen mal ein paar vor!

Wenn Krähen picken

Der Münsteraner Verhaltensbiologe Dr. Niklas Kästner untersucht die Gefühle der Tiere. Im Online-Magazin ETHOlogisch geht es nicht nur um das Denken, sondern auch die Emotionen von Tieren. Dass manche Tiere kognitiv beeindruckend potent sind, ist bekannt. Zum Beispiel Krähen: Sie können vorausschauend planen und Zusammenhänge kombinieren. Doch haben sie auch Gefühle?

Dass Hunde Angst spüren, weiß jeder, der schon mal mit seinem Wauwau beim Tierarzt war. Hunde empfinden aber auch Zuneigung, Eifersucht oder Trauer. Als äußerst soziale Rudeltiere teilen sie sogar die Gefühle ihrer Bezugsmenschen. Dennoch warnt Kästner davor, Tiere zu vermenschlichen. So erscheinen manche Verhaltensweisen aus menschlicher Sicht grausam - z.B. wenn Krähen Rehkitzen die Augen auspicken - aus Sicht der Tiere sind sie einfach nur ökonomisch sinnvoll.

Das bevorzugte Studienobjekt des Münsteraners ist der Hund der Eltern, die ihm als Tierärzte auch die Affinität zu seinem Forschungsthema mitgegeben haben. Sein Spezialgebiet ist die „Wohlergehensforschung“; Kästner will wissen, was Tiere brauchen, um sich wohlzufühlen. Er sagt im Podcast: „Tiere wollen ihre Umwelt selbst bestimmen, also ob sie Gesellschaft suchen oder sich separieren, ob sie in der Sonne oder im Schatten stehen, etc.“ Kästner appelliert, dieses Wohlfühl-Kriterium bei Haltung von Haus- und vor allem Nutztieren stärker zu berücksichtigen.

Münsters ex-Sheriff

Um ganz andere Dinge dreht sich der Podcast Hier sprach die Polizei! von Münsters „Sheriff a.D.“ Udo Weiss. Der ehemalige Kripobeamte erzählt Dönekes aus 45 Jahren Polizeidienst. Seit 2020 online, sind inzwischen 56 Episoden zusammengekommen. Mit dem Journalisten Philipp Böckmann als Moderator spricht der ex-Sheriff über Höhen und Tiefen seiner Laufbahn.

Weiss war früher Direktor der Polizeiwache an der Hammer Straße. Er berichtete u.a., wie es kam, dass er mal bei einer Dienstbesprechung mit heruntergelassener Hose vor den Kollegen im Konferenzraum saß und erzählt vom Platzverweis für einen Bienenschwarm. Dann war da noch der Igel als vermeintlicher Einbrecher, der Betrunkene, der sich im falschen Haus schlafen legte und die wildgewordene Aggro-Kuh in Münsters City, die am Hafen erschossen werden musste.

Unter Zockern

Besonders kurios ist die Story seines Undercover-Einsatzes im Zockermilieu: Weiss nahm verdeckt an illegalen Hinterzimmer-Rouletterunden teil - ausgestattet mit Geld der Polizei. Die Verbuchung der Beträge brachte die Finanzabteilung arg ins Schwitzen. Falls er auch noch gewonnen hätte, wäre das buchungstechnisch ein echtes Problem geworden! Und erst im Nachhinein gab sein Chef damals zu, dass sein Vorgänger im Milieu erkannt und krankenhausreif geprügelt worden war - schluck! Weiss kommentiert auch den Münster-Tatort und erklärt anhand von Thiel und Boerne, wie realistisch TV-Krimis und Crimeserien sind.

Dönekes vom Dorf

Erfolgreich ist auch der Podcast Gesabbelte Werke des Comedians Bauer Schulte Brömmelkamp. Heini Brömmelkamp vertellt Geschichten aus Kattenvenne, von seiner Frau Erna, dem Schützenfest, vom Stammtisch, etc. Ja, das könnte schon sehr unterhaltsam sein, ist aber leider nur so lustig, wie die Witzseite im Landwirtschaftlichen Wochenblatt.

Max monetarisiert

In der Welt der Podcast-Produktionen kennt sich Max Hurlebaus aus: Der Münsteraner arbeitet in Berlin für die Anbieter podcast.de und podcaster.de. Was macht er da? „Wir nehmen natürlich selbst Podcasts für Kunden auf, kümmern uns aber vor allem um den Service drumherum, also das Hochladen, Bewerben und Monetarisieren.“

Wie funktioniert das Monetarisieren eigentlich? Kann man denn mit Podcasts Geld verdienen? Max sagt: „Es gibt verschiedene Möglichkeiten: Entweder durch bezahlte Werbung oder Sponsoring, durch freiwillige Spenden aus der Community, durch einen kostenpflichtigen werbefreien Zugang oder bezahltes Bonusmaterial. Manchmal ist der Podcast aber auch einfach nur ein Marketinginstrument für ein Produkt, wenn beispielsweise ein Hersteller von Tiernahrung einen Podcast über Hundeernährung macht, um damit sein Futter zu bewerben.“

Ganz schön nischig

Inhaltlich gibt es nichts, was es nicht gibt. „Und was es heute noch nicht gibt, gibt es garantiert nächste Woche“, lacht Max: „Es gibt schon sehr ,nischige' Sachen, wie einen Podcast ausschließlich mit Umweltgeräuschen aus der Vulkaneifel oder einen über Magenbeschwerden bei Reitpferden.“

Wer hat eigentlich Zeit, sich das alles anzuhören? „Darüber gibt es eine Studie“, erklärt Max: „Die Top-Nutzungsgelegenheiten sind: Beim Auto- oder ÖPNV-Fahren, beim Spaziergang, beim Sport, im Haushalt und zum Einschlafen. Ich selbst höre gerne beim Kochen Podcasts. Wenn ich einen neuen spannenden Kanal entdecke, habe ich immer ein richtiges Goldgräbergefühl!“

Ein irrer Boom

Was ungefähr 2004 als nerdige Szene entstand, erlebt spätestens seit den Corona-Lockdowns einen irren Boom. Täglich erscheinen hunderte neuer Folgen des Selbstmach-Radios. Eigentlich eine sehr interessante Entwicklung: Galt eben noch als ausgemacht, dass die allgemeine Konzentrationsfähigkeit nur noch höchstens für Drei-Minuten-Clips reicht, lassen sich die Leute auf 60 und mehr Minuten Wortbeitrag ein. Vielleicht lernen wir dadurch wieder das Zuhören. Für die öffentliche Debatte wäre das nur gut!

Carsten Krystofiak

(aus Ultimo Münster 3-4/2023)