INTERVIEW ZU »MUXMÄUSCHENSTILL«

NICHT WACKELN!

Marcus Mittermeier und Jan Henryk Stahlberg über ihr Regie-Debut

Wie würdet ihr euer Verhältnis zu dieser Hauptfigur beschreiben?
Mittermeier: Mux ist ein Autist, ein Psychopath, der faschistische Züge hat. Der Film ist das alles nicht. Der Film ist ein Statement zu unserer Zeit, das unseren Zeitgeist aufgreift und die gesellschaftliche Situation befragt. Wir benutzen Mux, um dem Zuschauer diese Fragen so widersprüchlich wie möglich zu stellen ...
In den 80ern hätte man sich sehr viel deutlicher von diesem militanten Saubermann abgegrenzt.
Mittermeier: Wir wollten nicht mit dem Zeigefinger wackeln, sondern Statements und Haltungen der Zuschauer einfordern gegenüber der Figur, dem Film und unserer Zeit. Wenn man einen moralischen Film machen will, ist das ein raffinierterer Weg.
Stahlberg: Dadurch dass der Film die Figur überhaupt nicht beurteilen will, bekommt sie eine größere Freiheit als ihr zusteht. Die Zuschauer fragen sich an verschiedenen Punkten: Ist es jetzt nicht höchste Eisenbahn, dass die Filmemacher sich davon distanzieren? In einer Zeit in der man medial zugeschüttet wird, ist es wichtig, dass die Leute in ihren Fernsehsesseln aufwachen und sich fragen: Meinen die das wirklich ernst?
Muss man in unserer heutigen Gesellschaft ein Psychopath sein, um ein Idealist sein zu können?
Stahlberg: Ein Idealist braucht Ideale. Aber seit dem Fall der Mauer existiert keine Alternative mehr zu dem Gesellschaftsbild, in dem wir jetzt leben. Auch der Idealist Mux hat keine Alternativen zu bieten. Er schreibt ein Manifest und bleibt im ersten Kapitel stecken. Er wird gewalttätig und zum Psychopathen, weil ihm das Ventil der Utopie fehlt.
Wie wichtig ist das verkorkste Frauenbild für die Figur?
Stahlberg: Uns war es wichtig zu erklären, dass Mux nicht aus der braunen Ecke kommt, sondern aus der romantisch klassischen. Er hält sich für ganz kurz hinter Goethe. Von der Körperlichkeit der Liebe ist er jedoch völlig überfordert. Durch diese Ironisierung wird er auch ein wenig sympathischer.
Mittermeier: Mux ist ein Romantiker im steifen konservativen Sinn. In seiner Liebesgeschichte mit Kira zeigt sich noch einmal der Autismus auf einer privaten Ebene. Mux hat sehr enge Vorstellungen von seinem privaten Leben. Wenn dieses Weltbild zerstört wird, geht er auch hier sehr radikal vor.
Am Schluss heißt es, dass all diese Roland Kochs, Dieter Bohlens und Stefan Raabs sich warm anziehen müssen. Wofür stehen die Namen?
Mittermeier: Die stehen für einen Zeitgeist, der hoffentlich bald zuende geht und uns die letzten zehn Jahre begleitet hat. Für einen großen Zynismus, für ein öffentliches Leben ohne Haltungen.
Wo verläuft für euch die Grenze zwischen Ironie und Zynismus?
Stahlberg: Zynismus übersteigert die Ironie. In ihm ist keine Haltung mehr erkennbar. Es gibt auch großartige Zyniker, aber es ist nicht unbedingt mein Humor.
Ihr habt beide viel als Serien-Schauspieler fürs Fernsehen gearbeitet, einem Medium, das entscheidend den "öffentlichen Schwachsinn" prägt, den euer Film anprangert ...
Mittermeier: Fernsehen ist natürlich nicht gleich Fernsehen. Gegen das, was wir kritisieren, sind unsere Engagements im Bereich der Hochkultur anzusiedeln.
Stahlberg: Es gibt im Fernsehen Rollen, die habe ich gerne gespielt und es gibt Rollen, die habe ich nicht so gern gespielt. Muxmäuschenstill war natürlich das Gegenteil, weil wir genau das gemacht haben, was wir wollten. Aber gut, Geld haben wir dafür beim Drehen nie gesehen.
Ist das gespaltene Verhältnis zum eigenen Land ein typisch deutsches Phänomen?
Stahlberg: Es ist sehr schwierig, den deutschen Zeitgeist einzufangen, und ein Film wie Muxmäuschenstill ist da nur ein Baustein. Das Problem des Neoliberalismus, dem wir keine Ideale entgegenhalten können, ist ein Problem, das alle westlichen Länder betrifft. Und der öffentliche Schwachsinn in unserer Gesellschaft ist ein Problem, das weit über Deutschland hinausgeht.

Interview: Martin Schwickert