DIE KLEINE KRIMI-RUNDSCHAU (54. Lieferung)

Kampflinien


und hier die vorherige-Ausgabe

Sehr lange haben wir warten müssen auf einen neuen Roman von Christopher G. Moore, dessen in Bangkok agierender Detektiv Vincent Calvino sich nie richtig durchsetzen konnte, obwohl Moores Romane so wie sein Held die beste moderne Variante des Hardboiled-Krimis darstellen. Der Untreue-Index heißt leider nicht nur komisch, die Covergestaltung lässt auch eher an einen Softsex-Roman denken als an einen klugen Thriller mit politischem Einschlag, in dem sich alles um Geld, Markenpiraterie und krumme Geschäfte dreht und Gefühle nur dazu da sind, den Gegner zu manipulieren. Und während in jedem billigen Krimi der Bösewicht einem Privatschnüffler wie Calvino, der ihm zu nahe kommt, ein Killerkommando auf den Hals schicken würde, marschiert hier der Oberbandido in seinem teuersten Anzug ins Büro des Privatermittlers und macht ihm ein Jobangebot, das der nicht ablehnen kann. Wie schon in den drei Calvino-Romanen zuvor (die alle bei Union erschienen sind) stehen vor allem Thailand und seine Traditionen im Vordergrund der Geschichte. Ein Farang, ein Nicht-Thai, kann hier nur ins Fettnäpfchen treten, und das tut Calvino ununterbrochen, obwohl er (wie sein Autor) viel mehr über Bangkok und seine Geheimnisse weiß als der durchschnittliche Tourist. Die melancholische Stimmung, in der Moore seine Geschichten spielen lässt, passt hervorragend in ein Land, wo man auch aus Kummer lächelt und der Staat völlig offen korrupt ist. Die im Hintergrund der Geschichte sich abspielenden Demonstrationen (der Roman ist von 2007) haben dann auch folgerichtig keinerlei Folgen für die Handlung.

Serienmörder sind männlich und deutsche Krimi-Autoren können nicht schreiben. Darauf kann man sich als Profiler oder Schüttgutleser nahezu blind verlassen. Was aber Alida Leimbach in Wintergruft anstellt, das schlägt dem Fass die Krone ins Gesicht. Schon nach wenigen holperigen Seiten erreicht ihr Beziehungsdrama in einem evangelischen Osnabrücker Pfarrhaus den Gipfel. Herr Pastor hat sich gerade von Frau Pastor beim Seitensprung mit der Organistin ertappen lassen, die Frau rennt weg, der Kerl besäuft sich, und am nächsten Morgen guckt er erschrocken in den Spiegel. "Er musste über Nacht um Lichtjahre gealtert sein". Argh. Wird Frau Keimbach ihren Lektor umbringen, weil er ihr den Quatsch duchgehen ließ? Oder sofort in die Hölle kommen?

Der nächste Fall: Elke Schwab. Die kriminellt schon länger im Saarländischen herum und lässt in Mörderisches Puzzle doch tatsächlich eine saarländische Regionalkrimiautorin im Feuilleton einer Regionalzeitung gegen internationale Konkurrenz antreten und zerhackt den fiesen Chef, der das verhindern wollte, in kleine Stücke. Denkt man jedenfalls, weil der Chef verschwindet und Köperteile per Post auftauchen. Das ginge als Plot ja noch durch, aber es wimmelt dabei von Sätzen wie "Erstaunte Blicke quittierten diese Bemerkung". Immerhin gerät die Regionalkrimiautorin unter Verdacht. Das hat was.

In Böses mit Bösem setzt Elliott Hall seine Dystopie um den Privatermittler Felix Strange fort. Der lebt in einer Version der USA, in der die Fundamental-Christen die Macht übernommen haben, einen Krieg mit Iran begannen und Israel besetzt halten. Die CIA ist aufgelöst, das FBI nur noch ein Schatten seiner selbst. Während Hall im ersten Band viel Zeit brauchte, seine recht reizvolle Idee auszubreiten, geht es hier jetzt mehr zur Sache: Menschen verschwinden, Felix Strange gerät mal wieder in den Blick der "Ältesten", eine Gruppe, der man keinesfalls auffallen sollte, und wir erfahren, was sich vor 11 Jahren in Teheran abgespielt hat, jener Stadt, die heute eigentlich nicht mehr existiert. Soweit das geht, ist dieser Band noch böser als Den ersten Stein (der hier Anfang des Jahres erschien). Dafür entwickelt sich die Geschichte zu einer wirklich großen Verschwörung innerhalb der Fundi-Gemeinde, wo private Sicherheitsdienste, Mafiosi und kleine Gauner entdecken, wie viel Geld sich mit diesem Klerikal-Faschismus wirklich machen lässt. Der Band endet so übel - es muss einen dritten Teil geben, mindestens!

Ganz ungewöhnlich für einen ariadne-Krimi kommen in Monika Geiers Müllers Morde vor allem die Frauen ziemlich schlecht weg. Ein toter Umweltmanager eines Energie-Multis liegt in der Eifel, offenbar an einem natürlichen Ausbruch von vulkanischem CO2 erstickt. Wir wissen es aber besser, weil der Mörder etwa die Hälfte der Kapitel selbst schreibt. Die andere verfasst ein verarmter Akademiker, der gut in abseitigen Recherchen ist, weil der Tote sich für Atlantis interessierte. Lange bleibt unklar, um was es geht, und die Spannung kommt daher, dass zuweilen Täter und Ermittler sich unwissend nahe kommen, ja sogar begegnen. Müller mordet derweil immer weiter und plötzlich spielt ein komplizierter Schmuh mit Verschmutzungszertifikaten hinein, ein unglücklich verliebter schwuler Anwalt und die wehmütige Erinnerung an Zeiten, als ein "Atomkraft Nein Danke"-Sticker noch für etwas stand.

Mit ihrem ersten "Provinzkrimi" hat die Polizistengattin Rita Falk gleich gut eingeschlagen, deshalb ermittelt ihr Franz Eberhofer nun in Dampfnudel-Blues weiter auf tief bayerisch. Ein unbeliebter Schuldirektor ist unter den Zug gekommen und das halbe Dorf findet das wohlverdient. Sehr langsam wälzt sich der Franzl durch seine Befragungen, immer unterbrochen von deftigen Mahlzeiten bei Oma, Bierhappen mit Stammtischfreunden und Kabbeleien mit seiner Fast-Geliebten aus dem Gendarmeriebüro. Frau Falk hat sich da einen hübsch unterhaltsamen Erzählstil ausgedacht, bei dem sich auch Nordlichter zugleich hinterwäldlerisch und modern fühlen können. Immerhin hat sich die Dorffußballmannschaft gerade einen Angolaner gekauft und dem Eberhofer sein vermaledeiter Bruder gibt überall mit seiner neuen Thai-Frau an. Rezepte liegen wie üblich bei und ein Glossar erklärt das Idiom.

Tödliche Injektion von Jim Nisbett ist einer dieser typischen kleinen dreckigen Romane, die der Berliner Kleinverlag Pulpmaster herausbringt. Den hier, in anderer Übersetzung, hat Pulpmaster schon mal 1989 verlegt, und allein die erste, ziemlich irre Szene, in der ein kräftiger Schwarzer im Todestrakt von Huntsville, Texas, hingerichtet wird, ist die Neuauflage wert. Der Rest des Buches schwimmt ein bisschen in der großen Sentimentalität der Verlorenheit, in der ein heruntergekommener Junkie-Doktor mit seiner nackten schwarzen Geliebten in irgendeinem Slum-Hinterzimmer liegt, und der Autor schreibt dazu: "Dem Leuchten einiger Sterne war es gelungen, die grelle Kuppel aus Licht über der Stadt zu durchdringen. (...) Ob die Sterne wissen, wie schmutzig es hier unten ist? Sind sie deshalb so weit weg?"

Als er die Selbstauslöserkamera überprüfen will, entdeckt Remington James, dass er keinesfalls ein paar schöne Tierfotos am Wasserloch aufgenommen hat, sondern einen Mord. Und dann steht er dem Mörder gegenüber, der mit Hilfe einiger Kumpels Remington durch den nächtlichen Forst von Nordflorida jagt, wos richtig kalt ist. Die nette Idee mit spannendem Plot hat Michael Lister in Selbstauslöser leider etwas überambitioniert erzählt. Neben der gut erzählten Haupthandlung, wo mit expressiven Wortausbrüchen ganze Emotionskaskaden geschildert werden, erinnert sich der Fotograf Remington an seinen Papa, seine Freundin und, zum Trost, an berühmte Fotos (von denen leider zwei Fälschungen sind). Das ergibt ein faszinierendes Produkt aus der Versuchsküche "creative writing", aber der Plot wird dadurch ziemlich überladen, zumal das ganze Drumherum zu keinen tieferen Einsichten verhilft außer "Hör auf Papa, vor allem wenn er dir das Schießen beibringen will!".

Dass Elmore Leonard einer der größten lebenden Krimiautoren ist ändert nichts an der Tatsache, dass der Autor von Schnappt Shorty, Out of Sight oder Jackie Brown seine besten Jahre längst hinter sich hat. Dschibuti handelt von einer toughen Dokumentarfilmerin, die vor der somalischen Küste Piraten bei der Arbeit beobachtet und dabei lernt, dass die Rollen von Gut und Böse nicht so einfach verteilt sind wie es uns CNN weismachen will. Eine unnötig komplizierte Erzählsituation (erzählt wird der Rohschnitt des Dokumentarfilms, den sich die Regisseurin zusammen mit ihrem Assistentin ansieht), pausenloses, pointenloses Gequassel und die ständige Verwendung von Filmzitaten ("das erinnerte sie an den Film...") werfen ein Licht auf die Ambitionen des Autors (und seine Verhaftung in den 90ern), erheben aber ein ziemlich langweiliges Buch, das, kleiner Sidegag, in einem Verlag erscheint, der die besten Jahre hinter sich hat: Eichborns Herbstprogramm wird wohl das letzte sein, was das Haus mit der Fliege im Wappen herausbringt.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts fristet der junge Arzt Pontus Revinge ein trübes Dasein als mittelmäßiger Amtsarzt in Stockholm. Durch sein Studium entstandene Schulden lasten auf ihm. Menschen mag er nicht sonderlich, die Krankheiten und Ausdünstungen seiner oft armen Patienten ekeln ihn regelrecht an. Dann trifft er auf den von ihm verehrten Schriftsteller Hjalmar Söderberg, dem er seiner Meinung nach als Inspiration für seinen Roman dient. Außerdem bietet ihm sein erfolgreicher aber verhasster Kollege Skade die Mitarbeit in seiner gut gehenden Praxis an. Revinge greift zu und verliebt sich in Skades Tochter. Seinen Brotherrn räumt er bei einer günstigen Gelegenheit mit Zyankali aus dem Weg. Revinge heiratet dessen Witwe, um die Praxis weiterzuführen und der Tochter nahe zu sein. Aber das Familienleben stellt sich als belastend heraus und eine Freundin der Tochter bringt Revinges Erfolg in Gefahr. Tagebuch eines Mörders von Kerstin Ekman, einer der angesehensten Schriftstellerinnen Schwedens, ist mehr psychologischer Roman als Krimi. Die Handlung entfaltet sich anhand von Revinges Tagebuchaufzeichnungen. Sein Zynismus stößt ab, deckt gleichzeitig aber auch Scheinheiligkeit und Dummheit der Gesellschaft auf. Erzählt wird das in einem gemessenen, altmodischen Ton mit auffällig ausgiebigem Gebrauch des Dativs und zahlreichen historischen Anspielungen. Tagebuch eines Mörders ist das spannende und komplexe Portrait eines mit seiner Existenz unzufriedenen Mannes und eine Hommage an Hjalmar Söderberg, dessen Roman Doktor Glas, in dem es um einen mordenden Arzt geht, bei seinem Erscheinen 1905 unter Konservativen einen Skandal auslöste.

Kristof Krysinski ist mal wieder am Ende. Jörg Juretzkas hart gekochter und schwer verlotterter Privatdetektiv ist über die Jahre auch nicht klug geworden. Regelmäßig äußert er sich roh über Frauen, Türken und Polizisten und kriegt schwer die Hucke voll. Ebenso regelmäßig tappt er aber auch in Ruhrgebiets-Niederungen, die man gar nicht wahr haben möchte, aber wegen der schnoddrigen Sprache dann doch glaubt. In Freakshow reibt sich Krysinski an ungefähr fünf Fällen zugleich auf. Eigentlich braucht er bloß Geld, um seinen Hund aus der Tierklinik auszulösen, aber dann lappt ein Kinderporno-Fall von früher mit hinein, eine religiöse Bande, die eine forensische Klinik verhindern will, ein teures Auto, dass die Versicherung wieder haben will, und ein Satz schräger Jugendlicher, die sittlich völlig auf den Hund gekommen sind, für die Krysinski aber noch die liebevollsten Beschreibungen findet. Nichts für schwache Mägen.

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Christopher G. Moore: Der Untreue-Index Aus dem Englischen von Peter Friedrich, Unionsverlag, Zürich 2011, 377 S., 16,90 / Alida Leimbach: Wintergruft Gmeiner, Meßkirch 2011, 470 S., 11,90 / Elke Schwab: Mörderisches Puzzle Münster, Solibro 2011, 384 S., 9,95 / Elliott Hall: Böses mit Bösem Deutsch von Barbara Ostrop, DTV, München 2011, 463 S., 14,90 / Monika Geier: Müllers Morde Argument, Hamburg 2011, 399 S., 11,00 / Rita Falk: Dampfnudel-Blues dtv, München 2011, 254 S., 14,90 / Jim Nisbett: Tödliche Injektion Neu übersetzt aus dem Amerikanischen von Angelika Müller. Pulp Master, Berlin 2011, 234 S., 12,80 / Michael Lister: Selbstauslöser Aus dem Amerikanischen von Barbara Christ, Hoffmann & Campe, Hamburg 2011, 239 S., 19,99 / Elmore Leonard: Dschibuti Aus dem amerikanischen Englisch von Conny Lösch, Eichborn, Frankfurt 2011, 320 S., 19,95 / Kerstin Ekman: Tagebuch eines Mörders Aus dem Schwedischen von Hedwig M. Binder, Piper, München 2011, 268 S., 17,95 ) / Jörg Juretzka: Freakshow Rotbuch, Berlin 2011, 221 S., 16,95