DIE KLEINE KRIMI-RUNDSCHAU (23. Lieferung)

Hoch die Flossen!

und hier die vorherige-Ausgabe


Die Amis sind seit dem 9/11 lustig drauf: da entwirft Stephen Horn eine wunderbar allumfassende politische Intrige und läßt sie dann in einer Friede-Freude-Eierkuchen-Szene enden, dass man im Film vermuten würde, der Drehbuchautor habe gewechselt. Im Namen der Macht (im Original viel schöner: "Law of Gravity") soll ein abgehalfterter Senats-Ermittler eine Pro-Forma-Untersuchung leiten und stößt dabei erstens auf eine hübsche FBI-Agentin und zweitens auf ein düsteres Geheimnis, das bis zum Holocaust zurückreicht. Warum verschwindet ein junger jüdischer Senatshelfer spurlos? Warum lügt die Senators-Gattin und behauptet, es gehe im Falle des Verschwundenen eindeutig um Spionage? Und wird der depressive Held, auch dabei tatkräftig unterstützt von einem alten New Yorker Sergeant, die toughe FBI-Tante am Ende ins Bett kriegen? Was immer man aus diesem Plot hätte machen können, der etwas mit der Schweiz und jüdischen Konten aus der Nazi-Zeit zu tun hat - es endet öde. In solch einer finsteren Welt, wie Horn sie beschreibt, am Ende einfach Moral, Edelmut und Liebe an allen Fronten siegen zu lassen, klingt nach ärztlich verordnetem Optimismus.


Die Krimis von Chantal Pelletier sind ziemlich harter Stoff. Derart depressiv, weltverloren und hoffnungslos geht es selten zu. Pelletier schreibt im Stil der Schwarzen Serie, also einerseits hart wie Stahl, andererseits sentimental-romantisch; es ist alles ein bißchen wie Jerome Charyn, nur trauriger. Auch in More is less steht der Polizist Maurice Laice im Mittelpunkt, der, geplagt von Hodenkrebs und der Abwesenheit seiner geliebten Anna, im 19. Arrondissement von Paris den Mord an einem alten Chinesen aufklären soll. Dabei hat er eigentlich genug zu tun mit dem Brandanschlag auf einen Brückenwärter und einer kriminellen Girlie-Clique. In drastischer Sprache und lustvoll deprimierend läßt Pelletier hier wirklich alles den Bach runtergehen, selten endete eine Geschichte derart in der Katastrophe. Bis dahin aber gibt es eine gute Story, faszinierende Figuren und ziemlich kluge Einsichten, etwa jene, dass diese Welt zwar ganz schön beschissen ist, eine Welt aber, in der allein die Polizei für das Gute sorgen soll, auch nicht gerade erstrebenswert ist.


Die Verfilmung von In the Cut ist, wie zu erwarten war, nicht halb so drastisch wie das Buch von Susanna Moore. Expliziter Analsex ist eben nichts, was man Meg Ryan zumuten möchte, auch wenn die sich für diesen Film ziemlich nackig machte. Auch das düstere Ende wurde fürs Kino umgeschrieben. Wer das böse Original lesen möchte, für den hat dtv den Roman noch einmal aufgelegt.


Gescheite Polit-Thriller sind selten, besonders wenn sie in der Historie rumwühlen. Gottes Feuer von Peter Millar ist eine Ausnahme: aus dem "Manhattan-Projekt" der 40er Jahre bis hin zu Himmlers Geheimverhandlungen mit den Alliierten 45 macht er eine Verschwörung, die die Welt noch nicht gesehen hat. Seinen Helden - ein trinkfreudiger Reporter, was sonst? - schickt er dafür rund um den Globus, und nebenbei wird sogar der Roswell-Zwischenfall glaubwürdig aufgeklärt (die Russen wollten sozusagen nur mal was übern Zaun werfen). Das darf man nicht ernst nehmen, aber es baut immerhin aus den bekannten Fakten eine mögliche Geschichte. Bekannt ist zum Beispiel, dass es in Los Alamos damals neben Klaus Fuchs einen zweiten Spion gegeben haben soll, der nie enttarnt wurde. Der irische Engländer Millar macht daraus eine wundersam aberwitzige und durch und durch glaubwürdige Geschichte.


Auch ein selten behandeltes Thema: Dänische SS-Männer, die als Freiwillige für Hitlers Mordmaschine an die Ostfront oder auf den Balkan gingen. Der dänische Autor Leif Davidsen hat daraus den Thriller Die guten Schwestern gemacht, wo er aufs Seltsamste Linksradikalismus und Alt-Nazis zusammenbringt, ohne das es peinlich wirkt. Zwei Schwestern wollen auf ihre Art für Gerechtigkeit sorgen, die Wurzeln reichen bis 1943 zurück, die Gegenwart ist der NATO-Einsatz im Kosovo. Der dänische Geheimdienst jagt einen Ost-Spion, der offensichtlich im NATO-Zentrum sitzt. Anfang und Ende erinnern stark an John le Carré, die Verbindung von Persönlichem und Weltgeschichte gelingt Davidsen mit leichter Hand, nur im Mittelteil übertreibt er die persönlichen Perspektiven etwas und neigt arg zum Kitschigen; gute Thriller-Autoren versagen bei Sex- und Liebesszenen reihenweise, das ist fast ein Qualitätsmerkmal. Witz und Tragik halten sich die Waage, zwei sehr gut beobachtete Hauptpersonen tragen die Geschichte: der versoffen-ironische Geschichtsprofessor Teddy und der nachdenklich-dröge Geheimdienstmann Per. Ihre gemeinsame Reise am Ende in das tiefste Elend des Balkans gehört zu den Höhepunkten.


"Ich mag keine Krimis" sagt der bisexuelle Anwalt in Michael Kiesens Ein Mord auf den es nicht ankommt schon auf der ersten Seite. Da hätte es noch ein gutes Buch werden können. Unlustig hinter einem vermutlich von Strichern erschlagenen Kollegen her ermittelnd, tastet sich der Erzähler nämlich vornehmlich an sich selbst heran, bis er sich am Ende traut, einen Kerl mit auf's Zimmer zu nehmen, der es gewesen sein könnte. Kann man machen, aber bitte nicht mit Sätzen wie "Ich bildete ein Lächeln, das bald wieder zusammenfiel". Trotzdem scheint Michael Kiesen ganz erfolgreich zu sein. Der Mord, auf den es nicht ankommt, ist schon sein sechster.


Am Anfang steht eine Bluttat: vier Menschen sind tot, mit einem Gewehr erschossen. Dass wir nicht wissen, wer da starb, gehört zu den erzählerischen Kniffen von Dulce Chacón, die in Fandango im Schnee größtenteils einen naiven alten Mann reden läßt, der offensichtlich einem Kommissar Fragen beantwortet, den wir aber nicht "sehen", da nur der Alte quasselt. Dazwischen liegen Kapitel einer allwissenden Erzählerin, und zusammen ergibt das eine sehr spanische Geschichte, die vom Bürgerkrieg bis heute reicht und in der die "Herrschaften" mit ihren Dorfbewohnern so ziemlich machten, was sie wollten. Mord, Vergewaltigung, Kindsraub, Erpressung - kaum etwas haben die edlen Kleinadligen ausgelassen. Dass in den 30ern dann Francos "Moros" unter der Bevölkerung hausen wie die Barbaren (die sie waren), ist den Herrschaften dann aber doch irgendwie peinlich. Erst die bürgerliche Gesellschaft, verkörpert durch den anonymen Kommissar, schafft so etwas wie Gerechtigkeit. Makellos konstruiert und in scheinbar unbeteiligtem Tonfall schildert Chacón das Treiben der Herrschenden auf Kosten der Dienerschaft aus dem Dorfe. Und ganz ohne Pathos läßt sie die ganze dumme Bande vor die Wand laufen.


Das hat's immer wieder gegebenen: ein Dichter wird entdeckt und gefeiert, bis jemand aufsteht und sagt "April, April, Dichter samt Werk hab ich mir einfach nur ausgedacht." Peter Carey nimmt solch einen Fall als Vorlage für Mein Leben als Fälschung und scheint sich dabei auf einen australischen Literaturskandal der 40er Jahre zu beziehen. Ein ziemlich arroganter junger Dichter denkt sich ein Wort-Genie aus der Arbeiterschaft aus und erschafft den Dichter Bob McCorkle. Die Sache fliegt auf, landet vor Gericht - und plötzlich steht ein düsterer großer Mann vor dem arroganten Dichter und sagt: Ich bin Bob McCorkle, und ich bin Dichter. Der Hauptteil der Handlung spielt in Malaysia, wo eine junge Herausgeberin eines Literaturmagazins sich in einem heruntergekommenen Hotel von einem ebenfalls heruntergekommenen Dichter die Geschichte erzählen läßt. Denn Bob McCorkle hat Rache genommen, dem Dichter die Tochter entführt und ist mit ihr nach Malaysia geflohen, was Carey nutzt, um viel Landesgeschichte über uns kommen zu lassen. Die Erzähler wechseln wie in "Tausendundeine Nacht", die Tragik schleicht schwül durch den Dschungel wie in einem Joseph Conrad-Roman. Was der arrogante Dichter als Scherz begann, hat sein Leben für immer zerstört. Jedes Kapitel dieses Buches ist meisterlich erzählt, spannend wie ein Abenteuerroman. Wo Carey sich formal ans 19. Jahrhundert anlehnt, vertraut er innerlich auf die Moderne: die wirre Geschichte nimmt kein gutes Ende, eigentlich gar keines.


Elvis ist tot. In hohem Alter friedlich entschlafen im Versteck auf Sizilien. Das ist der erst nach vielen Seiten enthüllte und vermutlich irgendwie absurd gemeinte Hintergrund von Quotenkiller. Am Anfang liegt nur ein Radio-DJ tot unter seinem Pult und der Ex-Stadtillu-Österreicher Clemens Stadlbauer frozzelt über die Medien-Szene los. Ständig Sprüche klopfend nimmt er seinen Figuren jeden Rollen-Ernst. Sie dürfen sich nicht selbst zum Trottel oder Helden machen, sie werden vom Autor zum Witze-Aufsagen getragen, und wild über die komplizierte Rückblendenkonstruktion und die Welt verstreut. Am Ende läuft der McGuffin, das letzte Interview des Kings, doch noch im Radio. Irgendwo an der mazedonischen Grenze hört es ein anderer Rocker, und Stadlbauer verpasst einen Scherz. Ich dachte, du bist tot, Jim.


"Gottes Gehirn" hieß der erste, durchaus beachtliche Science-Thriller von Johler & Stahl. Die beiden deutschen Autoren haben das Buch sozusagen nochmal geschrieben: Das falsche Rot der Rose handelt wiederum von Hirn und Bewußtsein, diesmal allerdings geht es um Manipulation. In einer nahen Zukunft werden Menschen gegen ihren Willen zu Selbstmordattentätern, was unter anderem die halbe europäische Regierungselite das Leben kostet. Ein CIA-Mann namens Hamlet (ehrlich!) und eine UNO-Schönheit namens Senait kommen, was sonst, einer gigantischen Verschwörung auf die Spur, die drolligerweise am Ende nur aus einem halben Dutzend Personen besteht. Die Handlung hat mächtige Löcher, und der Kern des Buches funktioniert exakt wie "Gottes Gehirn": Zwei Ermittler reisen von Wissenschaftler zu Wissenschaftler und lassen sich erzählen, was es so zu wissen gibt. Dazwischen gibt es jede Menge Kommentare zur Gegenwart (die böse Bush-Regierung, die bekloppten Araber) und eher mäßig gestaltete Figuren aus dem Klischee-Baukasten. Auch die Thesen zum Terrorismus sind eher flach und populistisch, zu dem Thema hätte man sich etwas mehr Gedankenarbeit gewünscht.


Jochen Till ist eigentlich ein Jugendbuchautor. Mit Der letzte Romantiker hat er nicht nur einen sehr witzigen deutschen Pulp-Krimi geschrieben, er hat vor allem eine germanische Variante des Florida-Pack-Romans geschaffen, also dessen, was sonst Carl Hiassen, Dave Barry, manchmal auch Elmore Leonard oder Lawrence Shames schreiben. Dabei geht's immer um grenzdebile Gangster und Kleinganoven, einen tumben Tor als Helden und jede menge skurrile Randfiguren. Das alles hat Till mühelos aufgeboten: zwei ziemlich bescheuerte Brüder fliehen vor dem russischen Chef-Gangster "Der Büffel", weil einer der Brüder aus versehen des Büffels 20jährige Tochter zu Tode gevögelt hat (glaubt er, der Clou ist jedoch ein ganz anderer). Also fliehen die Brüder zu Onkel Otto aufs Land, "Der Büffel" schnappt sich die abgezockte Mama der Brüder als Geisel und reist ihnen nach. Was bis zum Show-Down passiert - jedes Kapitel wird von einem anderen Beteiligten aus der Ich-Perspektive erzählt - bewegt sich am Rande der Glaubwürdigkeit, weil's ziemlich abgedreht ist. Aber eben nur am Rande (kann mit Hilfe eines Esels, eines Pferdes, diversen Hühnern und Karnickeln ein Mensch gevierteilt werden? - eher nicht. Aber gibt es Gangster, die blöd genug sind, es zu versuchen? - eher ja). Nebenbei erleben wir eine romantische Liebesgeschichte, sehen einen TV-Produzenten sang- und klanglos abtreten, einen abgebissenen Schwanz ... es ist viel los bei Till. Und es ist immer sehr komisch.
-aco/thf/vl/wing-

Stephen Horn: Im Namen der Macht Aus dem Amerikanischen von Hans M. Herzog. dtv, München 2004, 375 S., 14,50 ISBN: 3423243805
Chantal Pelletier: More is less Aus dem Französischen von Eliane Hagedorn und Barbara Reitz. Distel Literatur Verlag, Heilbronn 2004, 214 S., 10,- ISBN: 3923208669
Susanna Moore: In the Cut Aus dem Englischen von Ditte und Giovanni Bandini. dtv, München 2004, 207 S., 8,- ISBN: 3423206276
Peter Millar: Gottes Feuer Ins Deutsche von Rainer Schumacher. Bastei Lübbe, Bergisch-Gladbach 2004, 478 S., 8,90 ISBN: 3404151755
Leif Davidsen: Die guten Schwestern Aus dem Dänischen von Peter Urban-Halle. Zsolnay, Wien 2004, 543 S., 24,90 ISBN: 3552052895
Michael Kiesen: Ein Mord auf den es nicht ankommt Pendragon, Bielefeld 2004, 206 S., 9,90, ISBN: 3934872913
Dulce Chacón: Fandango im Schnee Aus dem Spanischen von Kirsten Brandt. edition Lübbe, Bergisch-Gladbach 2004, 315 S., 19,90 ISBN: 3785715447
Peter Carey: Mein Leben als Fälschung Aus dem Englischen von Regina Rawlinson. S. Fischer, Frankfurt 2004, 286 S., 19,90 ISBN: 3100102266
Clemens Stadlbauer: Quotenkiller Union, Zürich 2004, 310 S., 10,90 ISBN: 3293202985
Johler & Stahl: Das falsche Rot der Rose Europa Verlag, Hamburg 2004, 381 S., 19,90 ISBN: 3203785765
Jochen Till: Der letzte Romantiker Edition Nautilus / Verlag Lutz Schulenburg, Hamburg 2004, 218 S., 12,90 ISBN: 3894014458