Familie

Endstation Bratislava?

Das Personal einer Selbstmörderkneipe hat Geheimnisse

In Strottenheim ist nicht viel los. Das gesellschaftliche Leben in der ostdeutschen Provinz findet hauptsächlich in einer Sportplatzkneipe statt, die nicht nur neben einem Sportplatz, sondern auch in der Nähe einer Bahnstrecke steht. Das macht die Kneipe besonders beliebt bei Selbstmördern, die sich vor ihrem letzten Schritt noch ein Bier oder einen Schnaps gönnen, während sie starren Blickes ihr bisheriges Leben durchgehen.

Im Familienbetrieb ist man darauf mittlerweile eingestellt. Die Mutter macht bei jedem erfolgreich Ausgespähten eine Kerbe in die Theke, und auch Tochter Milla hat einen Blick für die Lebensmüden. Leider führt sie auch eine sehr intensive Beziehung mit ihrem drei Jahre älteren Onkel Jano, die niemanden so richtig glücklich macht. Auch nicht Großmutter Lucia, die einst aus der Tschechoslowakei gekommen ist, um Millas Großvater zu heiraten. Über allem schwebt der Geist von Onkel Marek, der die nahen Bahngleise für seinen eigenen Tod genutzt hat.

Eines Abends ist da wieder einer, der sich aufmacht, den letzten ICE zu erwischen. Milla verfolgt ihn und ist eher zufällig dafür verantwortlich, dass alles anders ausgeht. Am Ende der Nacht flüchtet Onkel Jano nach Bratislava, um einem Geheimnis auf die Spur zu kommen und Milla verbündet sich mit dem lebensmüden Kalle von den Bahnschienen. Zusammen machen sie sich in seinem Bulli auf die Suche nach Jano.

Franziska Wilhelm ist eine sehr kompakte Geschichte gelungen, die den Leser aus der Provinzkneipe auf einen Roadtrip durch ländliche Gegenden nach Bratislava entführt. Am Ende haben wir hinter ein paar Geheimnisse geblickt. Und es sehen auf traurige Personen, die sich nicht so recht darüber im Klaren sind, wie es weitergehen soll. Zurück zur Selbstmörderkneipe oder ein Neuanfang?

Sacha Brohm

Franziska Wilhelm: Meine Mutter schwebt im Weltall und Grossmutter zieht Furchen. Klett-Cotta, Stuttgart 2014, 207 S., 18,95