THRILLER

Baukasten-Krimi

Minette Walters' »Dunkle Kammern«

Im Moment ist Minette Walters eine der erfolgreichsten Krimi-Autorinnen. Ihre Roman-Mischung aus Polizei-Arbeit, Seifenoper, starken Frauen und einfühlsamen Männern trifft offensichtlich einen Nerv. Seit Wochen ist Dunke Kammern auf den Bestseller-Listen, wie schon zuvor ihre Romane Die Bildhauerin und Die Schandmaske.
Dabei ist Dunkle Kammern ein wirklich spannendes, ach was: nervenzerfetzendes Buch. Eine schöne Frau mit Amnesie, ein erschlagenes Liebespaar im Wald, ein toter Ehemann in der Vergangenheit, ein Immobilien-Hai mit Kontakten zur Unterwelt, Ehebruch, Inzestwünsche, Verdacht auf Kindsmißbrauch - es ist alles da, was man für einen guten Krimi braucht.
Tatsächlich stellt sich erst nach Ende der Lektüre das Gefühl ein, Pappe gekaut zu haben. Zu intelligent und auf Effekt kalkuliert hat due Walters Personen und Ereignisse placiert, als daß man schon beim Lesen merken könnte, wie berechnend das alles aufgebaut wurde.
Am deutlichsten merkt man's, wenn man die Fäden beachtet, die lose liegengelassen werden. Darunter sind einige von erheblichem emotionalen Gewicht (der Verdacht auf Kindsmißbrauch etwa). Nicht aus Berechnung und einer meinetwegen vagen Konzeption eines "offenen Romans" bleibt da vieles unbeantwortet, sondern weil die Dinge nicht mehr gebraucht werden. Ziemlich schamlos haut die Walters dem Leser Verdächtigungen und Ereignisse um die Ohren, die gar nichts bedeuten. Sie sollen verwirren und die Gefühle anheizen. Das klappt beim Lesen wunderbar. Aber hinterher kommt man sich betrogen vor. Einer Autorin, die dreien ihrer Hauptfiguren auf den letzten 30 Seiten den Charakter so verbiegt, daß alles möglich wird, ist nicht zu trauen.
Alex Coutts
Minette Walters: Dunkle Kammern. Aus dem Englischen von Mechtild Sandberg-Ciletti, Goldmann 1997, 512 S., 42,80 DM