BIOGRAFIE

Die Welt als Wille und Steinbruch

Das wilde Leben des Dr. Rudolf Steiner - eine Biografie von Helmut Zander

Keine esoterisch-theosophische Bewegung ist in Deutschland so erfolgreich und anerkannt wie die Anthroposophie. Deren Begründer Rudolf Steiner, 1861 im kroatischen Teil der K.u.K.-Monarchie geboren, brauchte eine ganze Weile, eher er vom Goethe-Fan und Nietzsche-Verehrer zum Hellseher mutierte, zu einem, der mit "wissenschaftlichen" Methoden die jenseitige Welt durchforstete und als Augenzeuge bei Jesus Golgatha anwesend war.

Helmut Zander, von dem bereits eine Geschichte der Anthroposophie vorliegt, hat dem1925 überraschend verstorbenen Steiner eine freundliche und kritische Biografie geschrieben. Er behandelt den langen, wirren Weg des jungen Gipfelstürmers, der seine akademische Karriere nicht beendete, als Referent für die Sozialdemokraten arbeitete, als Herausgeber einer literarischen Zeitschrift angestellt war, bis er, um 1900 herum, fast zufällig Generalsekretär der deutschen Theosophischen Gesellschaft wurde. Von da an war kein Halten mehr.

Der dilettierende Philosoph, in der Theosophie eher unbeleckt, arbeitete sofort als "Lehrer" und "Meister" und hielt sich bald für einen "Auserwählten" und Weissager. Er hatte zwar den 1. Weltkrieg nicht vorausgesehen (und pflegte zwischen 1914 und 1918 den üblichen tumben nationalistischen Jargon), nutze aber die Zeitwirren, um die deutsche Sektion von der internationalen Theosophischen Gesellschaft abzuspalten, um die "Anthroposophen" ins Leben zu rufen, die bald auch außerhalb Deutschlands den alten Freunden von der Eso-Front Konkurrenz machten,

Zander steht dem steinerschen Ideengebäude eher gleichgültig gegenüber, sein Buch sucht eher nach den Quellen der Ideologie: Wer hat wann bei wem was abgekupfert? Er beschreibt das späte 19. Jahrhundert als eine zwischen Mesmerismus und Tischerücken, zwischen Pseudowissenschaft und Okkultismus zerrissene Zeit, aus der einerseits die Psychoanalyse, aber eben auch die Theosophie hervorging. Steiner selbst war diese Welt ein Steinbruch. Er klaute unermüdlich Ideen zusammen, schrieb aus Büchern zeitweise wörtlich ab (um das Zitierte dann als "uraltes Wissen" zu verkaufen), weshalb sein Hauptwerk in 22 Auflagen ständig verändert wurde. Er "ent-deckte" nicht nur Atlantis, er erfand (alles nach 1918) die anthroposophische Medizin, die Architektur, die Waldorfschule, die biologisch-dynamische Landwirtschaft (die damals noch nicht so hieß), die "Christengemeinschaft", und hinterließ allenfalls fragmentarische Anweisungen, die alle unter Zeitdruck entstanden. Seine Haupttätigkeit bestand aus Vorträgen und Aufsätzen; das Steiner-Oevre umfasst heute 400 Bände.

"Anthroposophie kommt aus dem Griechischen und heißt auf Deutsch Dr. Rudolf Steiner" zitiert Zander einen ironischen Zeitgenossen. Der stupende Fleiß des Sektengründers, sein übergroßes Ego und sein Gespür für Zeitgeistthemen waren die Grundlagen für den bis heute andauernden Erfolg.

Der Mensch Steiner ist, immer auch beschäftigt mit diversen Liebschaften, an dieser Arbeitsbelastung letztlich wohl zerbrochen. Sein plötzlicher Tod, bis heute nicht eindeutig geklärt, war wohl auch die Folge einer übergroßen Erschöpfung.

Erstaunlich ist, dass die derart Meister-fixierte Anthroposophie nicht nach dem Tod ihres Gründers auseinander brach. Der Laden arbeitet bis heute relativ skandalfrei, relativ stringent und sehr erfolgreich an der Verbreitung seines wirren Weltbildes weiter.

Erich Sauer
Helmut Zander: Rudolf Steiner. Die Biografie. Piper, München 2011, 535 S., mit 16 Abb.-Seiten, 24,95