KULT & KOHLE

Blöd oder was?

Scientology-Gegner enthüllen - oft nur sich selbst

Das Gedankengebäude der Anhänger L. Ron Hubbards ist wahrscheinlich auch nicht abstruser als das anderer Glaubens- und Wahnsysteme. Ob man es für glaubwürdig hält, ein Erzengel habe Mohammed seinerzeit den Koran diktiert und in den siebten Himmel entführt, ob man Marias leibhaftige Auferstehung für wahr hält - oder annimmt (wie die Scientologen), ein durchgeknallter Planetenfürst namens Xenu habe vor 75 Millionen Jahren einen Haufen unsterblicher (und narkotisierter) Seelen auf der Kanaren-Insel La Palma abgeladen - irgendwie ist das Geschmackssache.
Tatsächlich war Hubbard der erste, so Hubbard, der entdeckte, was sich wirklich in uns allen verbirgt: Ein unsterblicher und unentdeckter "Thetan", der, einmal freigelassen (ab Stufe 8), alle irdischen Mühen hinter sich lassen und, wenn er will, täglich im Lotto gewinnen oder Helmut Kohl zu Hochhausgröße aufblasen kann; da derlei Vorkommnisse bis jetzt nicht gemeldet wurden, scheint das Erreichen der obersten Thetan-Stufe schwieriger zu sein, als selbst Hubbard annahm.
Ungewöhnlich ist die Ausrichtung der Hubbard-Ideologie. Ähnlich wie die FDP will sie keine besseren, sonderen überlegene Menschen erzeugen, erfolgssüchtige Ich-Monster, die für ihr eigenes Wohlergehen alle Rücksichten fallenlassen. Wer nach Hubbards Anweisungen sein Leben gestaltet, kann seine Mitmenschen auch schon vor Erreichen der Thetan-Stufe 8 ein- und plattmachen - so jedenfalls die Theorie. In der Praxis scheint Scientology eher auf ganz nornmale weltliche Gerichte und juristische Drohungen angewiesen zu sein, um die Mitwelt zu deckeln. Im Januar 1995 zum Beispiel giftete die Scientology-Beauftrage und Anwältin Helena Kobrin gegen die Internet-Newsgroup "alt.religion.scientology" wegen angeblich unerlaubter Benutzung einer Handelsmarke ("scientology") und Verletzung des Copyrights. Grundsätzlich werden Scientology-Gegner im Internet nicht durch die Zeit- und Raumgrenzen sprengende Kraft von Thetanen behindert, sondern durch beschimpfende Massenpostsendungen (sogenannte "flames") von Hubbard-Jüngern.
Daß die besondere Gefahr von Scientology darin bestünde, jede und jede erreichen und umkrempeln zu können, läßt sich bei Kenntnis eines Großteil der Aussteiger nicht bestätigen. Die meisten der hier in Deutschland tourenden Ex-Scientologen, die ihren alten Verein schlecht machen, sind von bemerkenswerter Schlichtheit. Das jüngste Aussteiger-Werk einer gewissen Jutta Elsässer (Titel: "Scientology - Ich suchte das Licht und fand die Dunkelheit") mag da als Beispiel dienen. Während Frau Elsässer noch im Vorwort sich selbst fragt, "weshalb gerade mir so etwas passierte, wie die Mechanismen funktionieren, damit es soweit kommen konnte", beschreibt sie ein paar Seiten vollkommen arglos ihr erstes Kontakt-Gespräch mit einem Scientologen. Und der erklärt ihr, mit Hilfe der Hubbard-Technik könne sich "das menschliche Wesen nach und nach aus der Gefangenschaft der Materie befreien und in höhere Ebenen des Seins aufsteigen. (...) Ich war fasziniert." - ach, drum.
Auch der zweite Austeiger dieses Bücherherbstes, Gunther Träger, überzeugt nicht gerade durch kritischen Geist. In seinem Buch Scientology greift an gibt er der DDR-Rudermannschaft die Schuld an seiner Mitgliedschaft. Er sei damals als Jugend-Ruderer von den gut trainierten DDR-Jungs bei einem Wettbewerb derart eingemacht worden, daß ihn bei der folgenden Depression das Angebot seines Ruder-Trainers, doch mal eine dieser Sitzungen zu besuchen, als unwiderstehlich erschien. Ausgestiegen ist Träger dann später, weil einer seiner Scientology-Kumpels eine Rechnung an Trägers Angetur nicht bezahlte (Hubbard hat seinen Jüngern verboten, einander vor Gericht zu zerren; eine gewisse Lebensklugheit ist dem Manne nicht abzusprechen).
Träger hat sein Buch übrigens zusammen mit der Hamburger Hubbard-Jägerin Ursula Caberta verfaßt, die allen Betrieben rät, bei Neueinstellungen sich von Mitarbeitern die Nichtmitgliedschaft bei Scientology versichern zu lassen und vorschlägt, das Grundgesetz zu ändern (erweitert um ein "Recht auf geistige Unversehrtheit"; ernsthaft!), um der Sekte beizukommen (laut Frau Caberta heißt das heute nicht mehr "Sekte", sondern "destruktiver Kult").
Die Crux mit den Aussteigern ist: sie sind meistens aus den falschen Gründen eingetreten und aus den richtigen wieder 'raus. Gelockt hat sie das Versprechen, besser als der Rest der Welt zu werden. Daß sowas, wenn überhaupt, nur durch Skrupellosigkeit zu erreichen ist, ekelt sie schließlich an, und zwar in dem Maße, in dem der persönliche Erfolg ausbleibt. Dies den Jüngern aus Clearwater, USA, vorzuwerfen, ist nur halb richtig. Die eigene Raffgier und Selbstsucht als Gründe für den Eintritt zu erkennen, wäre mindestens die andere Hälfte der Wahrheit.
Zu lamentieren, die Mitgliedschaft in Scientology habe das eigene Wohlbefinden nicht gesteigert, ist keine ernstzunehmende Kritik; wer mit Theo Waigel zu Abend essen will, darf sich hinterher nicht wundern, wenn die Brieftasche weg ist. Der katholischen Kirche vorzuwerfen, ihre Hostien seien geschmacklos, ist albern. Die Erkenntnis, daß globale Heilsversprechungen immer nur eingelöst werden können, indem der Nachbar erschlagen wird, banal. Und Leute, die sich darüber beschweren, auch nach zigtausenden von Dollar an Kursgebühren bei Scientology immer noch nicht fliegen zu können - nun ja, die gibt es halt auch.
Thomas Friedrich
Jutta Elsässer: Scientology. Ich suchte das Licht und fand die Dunkelheit Nymphenburger 1997, 255 S., 29,90 DM
Ursula Caberta / Gunther Träger: Scientology greift an. Der Inside-Report über die unheimliche Macht des L. Ron Hubbard Econ 1997, 272 S., 39,90 DM