VATER STAAT

Verbotene Liebe

Was die Nazis von Sex hielten und wofür sie ihn brauchten

Ein Mann ohne Kunstgeschmack und Humor (also bar jeder Romantik), gefühllos aber sentimental, der Frauen nur aufs Kreuz legen kann und jede Bindung scheut (außer der wöchentlichen am Stammtisch), organisiert in Männerbünden, uniformfixiert und hierarchiegeil - ja sicher, so backen wir einen Nazi. Aber die Frage wäre, ob die Anhäufung dieser männlichen Eigenschaften nicht zwangsläufig zu einer verrohten, zu Exzessen neigenden Gesellschaft führt. Anders: Wer nur Sex kennt und keine Romantik - ist der nicht prädestiniert fürs Soldatenleben und das Massakrieren anderer Völker? Wer Gedichte von Heine für "unmännlich" hält und Akte von Schiele für "entartet" - fällt es dem nicht leichter, Menschen für barbarische medizinische Experimente zu missbrauchen und anschließend vergasen zu lassen? Da liegt wohl ein weites Feld.
Sexualität unter dem Hakenkreuz - unter diesem etwas dümmlichen Titel haben der "taz"-Autor Stefan Maiwald und der - laut Klappentext: Publizist Gerd Mischler (eines Tages muss mir jemand erklären, was ein "Publizist" ist und woran man ihn erkennt ...) bestehende Forschungsarbeiten ausgewertet und in kurzen Kapiteln neu geordnet. Da wird recht ordentlich das Frauen- und Familienbild der Nazis vorgestellt, ihre Homophobie, ihre widersprüchliche Haltung zur Prostitution - alles, was irgendwie mit Sex zu tun hat, wird vor allem statistisch geordnet und bewertet.
Nur leider fehlt den Autoren offensichtlich der Überblick, wenn es um die Einordnung der Phänomene geht. Erstens bedienen sie sich einer wohlfeilen Empörungsterminologie ("Niemand war monströser als Hitler" schreiben sie gleich zu anfang, und man ahnt, dass das alles nichts werden kann). Zweitens gelingt es ihnen nicht einmal ansatzweise, aus den verschiedenen Phänomenen ein großes Bild zu machen: die dumme, männliche Spießerkultur der Nazis glitt ja ziemlich nahtlos in die Adenauer-Ära 'rüber. Was sagt uns das? Dass die sogenannte "Vernichtung der Intimsphäre im NS-Staat" kaum nazi-typisch war. Vielmehr: der NS-Staat war die denkbar konsequenteste Verdichtung der oben beschriebenen Männer-Tugenden: Humorlosigkeit, Frauenfeindlichkeit, Aggressivität, Dummheit; und Kunstgeschmack wie ein totes Schwein.
Ob es etwas bedeutet, dass Hitler und Göring fast zeitgleich ihre "große Liebe" verloren? Dass sich wegen Hitler drei Frauen umbrachten? Dass Goebbels die "Reichspogromnacht" angeblich deshalb so gnadenlos durchzog, weil er wegen des aufgeflogenen Verhältnisses zu einer Schauspielerin Punkte machen mußte bei Hitler? Derlei Fragen aus dem Nähkästchen der Historie stellen sich Maiwald und Mischler ganz ernsthaft. Wie überhaupt unausgesprochen die Idee über allem steht, "die Nazis" und "der Nazi-Staat" hätten das deutsche Volk verführt und geknechtet; das muß der gleiche Studiengang sein, dem auch Helmut Kohl seinen Doktortitel verdankte.
Maiwald und Mischler haben sehr oberflächlich gearbeitet und gedankliche Tiefe durch moralische Rechthaberei ersetzt. Ein Goebbels-Satz von 1942 wird von ihnen als besonders zynisch empfunden, weil zur gleichen Zeit "Juden zu Millionen umkamen, die Soldaten zu Millionen getötet wurden und das Kriegsglück sich gegen Deutschland wendete". Hier droht die Schwammigkeit im Ausdruck zur puren Faselei zu verkommen: ist das jetzt schlimm, dass das "Kriegsglück" sich "gegen Deutschland" wendet? Werden Soldaten nur getötet - oder töten sie nicht auch?
Viele Fakten und Zitate und Zusammenhänge verdanken die Autoren übrigens Ebba D. Drolshagen und ihrem im letzten Jahr erschienenen Buch Nicht ungeschoren davonkommen. Das befasst sich zwar nur mit einem Aspekt der Verbindung von Staatsform und Sexualleben - es geht um "Soldatenliebchen" - aber hier findet man all das, was bei Maiwald und Mischler fehlt: Eine präzise Eingrenzung des Forschungsgegenstandes, eine umfassende Exposition des Themas, eine nachvollziehbare Methodenbeschreibung - und vor allem eine Idee, die, soweit möglich, Zusammenhänge herstellt. In diesem Fall: dass jeder Staat im Kriegszustand über Frauen verfügt, als seien sie sein Eigentum. Weshalb eine Frau, die sich in den "Feind" verliebt, ein grosses, strafrechtlich meist nicht fassbares Staatsverbrechen begeht. Niemand hat daher Einwände, wenn der Mob dann die "Gerechtigkeit" selbst in die Hand nimmt. Übrigens dann unter reger Anteilnahme von Frauen; nichts ist einfach im Leben.
Erich Sauer
Stefan Maiwald / Gerd Mischler: Sexualität unter dem Hakenkreuz. Manipulation und Vernichtung der Intimsphäre im NS-Staat Europa, Hamburg / Wien 1999, 287 S., 39,80 DM
Ebba D. Drolshagen: Nicht ungeschoren davonkommen. Das Schicksal der Frauen in den besetzten Ländern, die Wehrmachtssoldaten liebten Hoffmann & Campe, Hamburg 1998, 271 S., 39,80 DM