MÄNNER-TERROR

Land ohne Hoffnung

Überleben in der muslimischen Macho-Gesellschaft - zwei Bücher von Algerierinnen

Weil er seine Frau im Suff dreimal verstoßen hat, muß Aziz Zeitoun seine eigene Gattin neu verheiraten, pro forma, bevor er sie wieder aufnehmen kann. Also wird Nayla gegen ihren Willen, so scheint's, mit dem Orts-Intellektuellen verheiratet, der sie, so ist es abgemacht, danach wieder verstoßen wird, damit Aziz sie erneut heiraten kann - schließlich hat er mit ihr sechs Töchter.
So kompliziert geht es zu, wenn Allahs Wille beachtet werden muß. Dabei ist Aziz Zeitoun nichtmal besonders fromm, aber in Algerien, wo Leila Marouanes Roman Entführer spielt, gelten strenge Regeln.
Aziz wird Opfer dieser Regeln: kaum neu verheiratet, macht sich seine Ex-Frau mit dem neuen Mann aus dem Staub. Fortan müssen die sechs Töchter den Haushalt führen, denn Papa liegt nur noch besoffen und verzweifelt in der Ecke.
Die älteste Tochter erzählt diese Geschichte einer kleinen Revolte, witzig, pointiert, klug. Sie sorgt für finanzielles Auskommen, schickt die Schwestern zur Schule, verdient viel Geld durch ihre Näharbeiten. Die Schwestern verrammeln nach und nach Fenster und Türen - sechs Frauen ohne Aufsicht in einem Haus sind eine Verlockung für alle Männer - und richten sich ein. Aber bevor die Geschichte in der mühsam errichteten Idylle enden kann, bricht die algerische Wirklichkeit ein: erst angedeutet, später zur Gewißheit werdend entdeckt die Erzählerin, dass sie das Gedächtnis verloren hatte, dass sie von Fundamentalisten entführt, vergewaltigt und geschwängert worden ist. Und dass eine der fünf Schwestern ihre eigene Tochter ist.
Entführer liest sich ein bißchen wie ein brecht'sches Lehrstück, nur mit Humor. Die Ich-Erzählerin versinkt langsam im Wahnsinn und der Paranoia. Während sich für die Schwestern doch noch alles zum Guten wendet, wundert sie sich am Ende, warum ihr Raum plötzlich so weiß ist und die Fenster vergittert sind. Heil ein Leib und Geist entkommt dieser Geschichte nur, wer das Land verlassen kann. In Algerien, so sah es Marouane 1998, als Entführer erstmals erschien, gibt es für Frauen keine Hoffnung; die Algerierin Leila Marouane lebt in Paris.
Dass die Flucht aus dem Land der mordenden Glaubensfanatiker auch nicht alle Probleme löst, beschreibt die Algerierin Samira Bellil in ihrem autentischen Bericht Durch die Hölle der Gewalt. Als Einwandererkind der Zweiten Generation lebt sie in Paris, hin und hergerissen zwischen der Kultur ihrer Eltern und den Traditionen des Landes. Für die Jungs des Viertels ist ein Mädchen, das sich schminkt und ausgeht, eine Schlampe, eine "Bumse". Mit 13 erlebt Ballil ihre erste Gruppen-Vergewaltigung, offensichtlich arrangiert von ihrem Freund, in dessen Clique es vollkommen normal ist, das Freundinnen "weitergereicht" werden. Auch durch Bellils Buch ist das Problem in Frankreich zum Thema geworden: die Vergewaltigung minderjähriger Mädchen durch Getto-Kids ist in den Vorstädten offensichtlich nichts Außergewöhnliches.
Samira Bellil hat ihre Vergewaltiger angezeigt - was nicht selbstverständlich ist - und versucht, nach einer Jugend als Kleinkriminelle, Ordnung in ihr Leben zu bringen. Vom Verlag etwas reißerisch beworben, beschreibt sie ihre Kindheit und Jugend in rotzig-frechem Ton, der die Angst aber nicht überdecken kann, mit der sie leben mußte: Wer sich gegen die Machos wehrt, dessen Leben ist für Jahre bedroht. Auf der Straße lebend, immer auf der Flucht, hat Bellil das Glück gehabt, eine starke Mutter zu haben, die auf ihrer Seite stand. Der Vater hatte nach der Vergewaltigung seine Tochter praktisch verstoßen. Eine 13jährige Tochter, die ihre Jungfernschaft verliert, hat nach dem irren Kodex der Männer die gesamte Familie entehrt.
Victor Lachner
Leila Marouane: Entführer. Aus dem Französischen von Regina Keil-Sagawe. Haymon, Insbruck 2003, 171 S., 17,90 ISBN: 3852184274
Samira Bellil: Durch die Hölle der Gewalt Unter Mitarbeit von Josée Stoquart. Aus dem Französischen von Gaby Wurster. Pendo, Zürich 2003, 282 S., 20,50 ISBN: 3858425605