TECHNIK & MORD

Das Ende der Stille

Erik Larson erzählt, wie das Funken erfunden wurde

Der Journalist Erik Larson hat Spaß daran, die Geschichte der Technik mit der Technik des Mordens zu verbinden. In Der Teufel von Chicago brachte er die Weltausstellung und einen Frauenmörder etwas gewollt in Zusammenhang. In Marconis magische Maschine muss er die Geschichte nicht so weit verbiegen: In romanhaftem Erzählton berichtete das Sachbuch darüber, wie der überaus sympathische, trotzdem des schauerlichen Mordes an seiner Frau schwer verdächtige Dr. Crippen auf einem Hochseedampfer vom Kapitän erkannt wird. Der meint, in Mr. "Robinson" den von Scottland Yard dringend gesuchten Mörder Crippen zu erkennen und benutzt eine dieser neumodischen Maschinen, die neuerdings an Bord vieler Schiffe zu finden sind - Marconis Funkgerät. Ganz ohne Drahtverbindung, direkt durch die Luft funkt der Käptn seinen Verdacht, einen Mörder an Bord zu haben. Dr. Crippen wird im nächsten Hafen von dort auf ihn wartenden Polizisten Scottland Yards verhaftet und später hingerichtet.
Marconis magische Maschine kreuzt recht geschickt zwei Erzählungen. Einmal die Geschichte vom zweifellos liebenswürdigen und freundlichen Dr. Crippen, der von seiner überspannten Frau so lange malträtiert wird, bis sie im Kohlenkeller endet; wenigstens teilweise.
Die andere, eigentlich spannendere Geschichte spielt ein paar Jahre früher, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als der junge Italiener Marconi mit "drahtlosen Wellen" experimentiert und gegen allerlei Neider und Konkurrenten nachzuweisen versucht, dass "freie Funkwellen" auch über den Atlantik geschickt und zur Kommunikation genutzt werden können. Das glaubt ihm zunächst kaum einer, Andere sind neidisch, weil sie wesentliche Teile von Marconis "Erfindung" bereits selbst entdeckt haben - aber eben nicht kommerziell zu nutzen wussten. Um diese ziemlich irrsinnige Technikgeschichte 1910 auf die Flucht Dr. Crippens zulaufen zu lassen, muss Larson seine Marconi-Geschichte dramaturgisch etwas verbiegen und strecken.
Bei aller Spannung hat das durchaus Längen. Das Eheleben Marconis gibt nicht so viel her, wie Larson zu glauben scheint, der ganz gerne die Fliege an der Wand spielt und bisweilen unnötig sensationelle Kapitelenden bastelt, etwa so: "Marconi hatte an diesem Tag kein Papier dabei. Das sollte sich später als verhängnisvoll erweisen."
Marconis magische Maschine ist trotzdem ein amüsantes und lehrreiches Buch. Es läßt seinen dramaturgischen Höhepunkt etwas früh erkennen, erzählt aber weitgehend kurzweilig von einem Nobelpreisträger, der nie die Grundlagen seiner Erfindung verstanden hatte. Marconi jedenfalls hatte viel Zeit und Geld in geradezu absurde, monströse Antennenkonstruktionen verschwendet, ehe er merkte, dass Kurzwellen viel eher für transatlantischen Funkverkehr geeignet sind und andere Antennen erfordern.
Dr. Crippen soll an Bord seines Fluchtdampfers in der Tür des Funkraums, des "Marconiraums" gestanden und schwer beeindruckt den Funkverkehr beobachtet haben, bevor er sagte: "Faszinierende Technik". Er ahnte nicht, dass Dank dieser Technik längst alle Welt von seiner bevorstehenden Verhaftung wusste, während er nur ein Fiepen hörte und ein paar Funken sah. Im nächsten Hafen wartete die Polizei und verhaftete Crippen.
Erich Sauer
Erik Larson: Marconis magische Maschine. Ein Genie, ein Mörder und die Erfindung der drahtlosen Kommunikation. Aus dem Amerikanischen von Gabriele Herbst. Scherz bei S. Fischer, Frankfurt 2007, 448 S., 19,90