FUNTASY

Komische Gnome und dergl.

Schon wieder Gespenster zum Grinsen, Leprechauns zum Lachen und Teufel zum Trollen: drei Bücher aus der Schublade "humorvolle Phantastik"

Erfunden hat das Genre in den 40ern der Amerikaner Thorne Smith, populär gemacht hat es Doug Adams in den 80ern - und drei Engländer abeiten Ende der 90er an seiner Wiederverunmöglichung; und alle drei mit wilden Spüngen durch die Zeit. Etwa so, als versuchte ein transdimsionaler Jedi-Ritter im selben Augenblick sich den linken Stiefel auszuziehen und dem Volkszähler zu entgegehen. Oder zumindest im selben Jahrhundert. Und noch bevor seine enervierte Geliebte den Champagnerkorken wieder zurück in die Flasche gekriegt hat. Womit übrigens die meisten Elemente der Fun'n'Fiction-Alphabets von Terry Pratchett, Tom Holt und Robert Rankin beisammen wären.
Robert Rankin? Der schreibt seit drei Taschenbüchern bei Bastei (Das Buch der allerletzten Wahrheiten, Jäger des verlorenen Parkplatzes und jetzt Die größte Show jenseits der Welt), dem fummelt der früher von uns getadelte Lektor Stefan Bauer hier passend fiktionsbrüchige Anspielungen auf einen zukünftigen B.A.S.T.E.I.-Verlag in die Handlung - und eine Erklärung in das "Show"-Einleitungskapitel, wieso dies nicht der dritte Band einer Trilogie sei. Sondern der später nachkomme. Egal: Rankin kennt seine amerikanischen Vorläufer genau (etwa die Illuminatus-Trilogie, Bradburys Freak Shows und Dr. Lao natürlich - und rechnet damit, daß wir genauso schlau sind (hätte sonst die Band beim apokalyptischen "Wir entführen die Queen"-Open Air in band II "Gandhisfön" geheißen - na? Anklang angekommen?). Allerdings kommt beim Mythenquirlen (Artus gegen Motorräder, Steuerbeamte gegen Stonehenge, Jenseits-Zirkus gegen die Langeweile ...) auch nichts anders heraus, als daß Rankin und wir alle ganz schön viel abgesunkenes Bildungsgut im Kultur-Ranzen haben. Und daß man Kotzen muß, wenn das darin aufs gar zu Unmanierlichste Herumrumpelt. Wem's aber spaßt ...
Bei Terry Pratchett beginnt der Spaß zu vergehen. So für Fun-Fantasy berühmt ist er geworden, daß er in Zukunft nur noch höchstens einen Band aus der "Scheibenwelt" pro Jahr schreiben wird. Dafür schreiben seine Fans Kompendien und Leserbriefe und Lexika: etwaa dieses hier, Die Scheibenwelt von A-Z, das nicht nur alphabetisch alle Personen, Orte, Fast-Food-Spezialitäten und Rauch-Entwöhnungs-Therapien für Drachen enthält ... sondern auch hoch-dönekes-haltige Texte, die Terry schrieb, bevor der das Leserbrief-Beantworten einer Computer überließ; ein bißchen was übers Scheibenwelt-Übersetzen (dummerweise über das Schwierige, gut gelöste, aber uns eher peripher tangierende Übersetzen ins Holländische); und eine Menge Hinweise darauf, daß, warum und wie sehr sich die anfangs strikt blödsinnige Gegen-Erde auf dem Rücken einer Schildkröte in bisher 16 Bänden zu einem Schauplatz hoch-moralischer und tief-medien-kritischer Parabeln fortentwickelt hat. Und an Prust-Faktor und Giggle-Rate noch zulegte. Die Anklangskunst hat Hand und Fuß, wenn auch nicht notwendigerweise in üblicher Zahl und an den gewohnten Stellen, und wenn etwa ein Troll aus schierem Eisenerz im Kühlhaus plötzlich supraleitend denkfähig wird, dann führt das sogar zu richtigen Gedanken. Drei von denen stehen auch im Lexikon. Sucht sie, holt es euch, bildet Scheibenwelt-Fan-Clubs - und schreibt Terry bitte bitte nicht, damit er wieder zum schreiben kommt.
Schreibt lieber Tom Holt. Der kam vom Gelehrtenwitz-Buch (Beowolf lernt Einkaufen) zur fast-klassischen Griechen-Grotesk-Drama hoch ("Der Garten hinter der Mauer") ... und nun ist er, zu schnell schreibend, wieder beim Wissens-Bolzen angekommen: Faust und Konsorten nutzt kaum die Möglichkeiten des Sujets (Hieronymus Bosch als Designer für den Erlebnis-Höllen-Park auf Erden - Helena als Schöner-Wohnen-Tyrannin, die Männe Menelaos erst nach 10jährigem Wehren von Troja zurücknahm - und Faust als Studienkollege von Hamlet, Luther und dem fliegenden Holländer, der in einem zukünftigen Amsterdam alle Minister in Nutzvieh verwandelt. Und einem Auftragskiller entkommt, der sich mit dem Papst einen Anwalt teilt. Nun ja. Viel mehr als "Blut paßt nicht zu Apricot-Gardinen" kommt kaum an Nährwert dabei raus. Und wer schonmal selber über Nostradamus lachte, lacht hier auch nicht mehr. Bleibt das Vergehen, die Hölle als Vergnügungsbetrieb zu schildern, die durch ein Management-Buy-Out (komisch, daß Deutsche das Witzpotential des Wirtschaftsteils so unkomisch finden) echte Corps-Geist-Probleme kriegt. Nun ja. Aber das sagten wir wohl schon. "Holts Maul" würden wir kalauern, wenn nicht sein 10. Buch schon auf dem Vorsatz des 9. angekündigt worden wäre ("Snottys Gral", ach gar), und "weitere sollen folgen" darunterstünde.
WING
Robert Rankin. Die größte Show jenseits der Welt. Übers. Axel Merz. Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 1996 (24210) 363 S., 10.- DM
Terry Pratchett/Stephen Briggs: Die Scheibenwelt von A-Z. Der ultimative Führer - handlich, praktisch, unverzichtbar Übers. Andreas Brandhorst. Heyne, München 1996 (43263), 345 S., 18.-DM
Tom Holt: Faust und Konsorten Übers. Kalla Wefel. Heyne, München 1996 (5426) 381 S., 14.90 DM