FUNDGESCHICHTEN

Vatis Tattoos

John Irving gibt sich autobiographisch und schreibt drei seiner Bücher nochmal

Am Anfang gibt es 172 Seiten, auf denen wir alles über Tätowierungen lernen. Und über einen kleinen Jungen, Jack Burns, der mit seiner Mutter, einer begnadeten Tätowier-Künstlerin, durch Skandinavien reist, immer auf der Suche nach dem Vater. Am Ende gibt es die Erkenntnis, dass die inzwischen gestorbene Mutter den Vater gar nicht suchte, sondern eher quälte und ihm nachreiste. Der erwachsene Sohn, inzwischen ein Filmstar, begegnet dem alten, debilen (und tätowierten) Vater, was erheblich zu Jack Burns' Selbstfindung beiträgt.
Dazwischen liegen leider 500 Seiten Wüste, in denen Irving Kindheit und Jugend des Jungen beschreibt. Wie er so hübsch ist, dass er mit 10 Jahren bereits verführt wird, warum er eine Freundin hat, die ihm im Kino immer den Penis hält. Wie er seine Liebe findet und wieder verliert, warum er Schauspieler und Filmstar wird und trotzdem nicht glücklich ist.
Dieser Mittelteil ist pure Kolportage und enthält vieles, was Irving in Garp, Hotel New Hampshire oder Witwe für ein Jahr als Erzählmaterial bereits ausführlich durchgewalkt hat: Kleine Jungs, freche frühreife Mädchen (die immer Schriftstellerinnen werden und bei Irving zur Strafe früh sterben), allein erziehende Mütter, Milieustudien und Detailangaben zum Ring-Sport (Irving ist leidenschaftlicher Hobby-Ringer), sogar ein abgebissenes Ohr kommt wieder vor... immerhin: Bären hat er diesmal weggelassen.
Wer Irving zum ersten Mal liest, mag an diesen üppig gestreuten Einfällen Spaß haben. Wir anderen kennen das schon und langweilen uns ziemlich. Zumal Irving sein Material eher lieblos arrangiert hat: was er im Laufe der Geschichten an Figuren einführt und wieder verschwinden lässt, kommt einem Massaker gleich. Soviel Schwund war selten.
Jack Burns´ Schauspiel-Karriere entwickelt Irving wenig glaubwürdig, dafür ergeht er sich seitenweise in Inhaltsangaben jener Filme, mit denen Burns Karriere macht. Man ist beim Lesen höchst dankbar dafür, dass diese Filme nie wirklich gedreht wurden.
Zudem kann Irving sich nicht für eine Perspektive entscheiden. Mal ist er allwissender Erzähler, mal versteckt er sich hinter dem unzulänglichen Wissensstand seiner Hauptfigur (angeblich war der Roman ursprünglich in der Ich-Form verfasst). Das führt zu Stilbrüchen und seltsamen geschmacklichen Ausrutschern. Dass Jack trotz Pubertät keine "feuchten Träume" entwickelt, kommentiert der Autor in einem Klammersatz so: Kein Wunder, wo er täglich gemolken wurde. - der kleine Jack wird regelmäßig von einer älteren Frau gevögelt, also mißbraucht.
Es spricht für Irving, dass er das Mißbrauchsthema nicht aufbauscht, eher nebenbei thematisiert. Das Buch und die Mißbrauchserfahrung, sagt Irving, seien Teile seiner persönlichen Biographie. Auch Irving wusste nichts von seinem Vater.
Aber das wirkliche Leben ist eine lausige Entschuldigung für schlechte Bücher. Bis ich dich finde ist ein überfrachteter Roman, der erst nach 700 Seiten sein Thema findet und darüber 500 Seiten einfach vergeudet. Die Kälte, mit der etwa Jacks "Große Liebe" (auf wenigen Seiten taucht sie auf und verschwindet dann einfach wieder) oder der Selbstmord einer früheren Geliebten behandelt werden, möchte man bei einem begnadete Erzähler wie Irving lieber für ein falsch eingesetztes Stilmittel halten als für handwerkliche Schlamperei.
Die ersten 170 und die letzten 120 Seiten sind originell, witzig und anrührend. Man kann sie direkt hintereinander lesen und hatte dann ein nettes, trauriges Buch in den Händen, das von Selbstfindung handelt, von Liebe und von dem, was wirklich zählt im Leben - die ewigen Irvingschen Themen.
Thomas Friedrich
John Irving: Bis ich dich finde. Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren, Nikolaus Stingl. Diogenes, Zürich 2006, 1140 S., 24,90 ISBN: 3257065221