SEX & GEWALT

Die Irren von Jerusalem

Gilad Elboms Pop-Roman »Scream Queens am Toten Meer«

Die einzig vernünftige Figur in diesem Buch ist die Freundin des Erzählers, Carmel. Sie ruft ihn am liebsten während der Arbeit an (er arbeitet als Pfleger in einem Irrenhaus) und teilt ihm ausführlich ihre jüngsten Erkenntnisse über Gott und die Welt mit, alles glasklare, böse Analysen über jüdische Paranoia, Herrenmenschen und die willkürliche Trennung der Welt in Normale und Verrückte.
Weil der Erzähler nebenbei einen Roman schreiben will - über einen Erzähler, der in einem Irrenhaus arbeitet und eine verrückte, sexbesessene Freundin namens Carmel hat - kommentiert Carmel diesen Roman gleich mit. Sie findet sich selbst schlecht getroffen und die vielen, ins Brutale zielenden Sexszenen abstoßend. Ich weiß, sagt sie, dass du zeigen willst, wie der gewalttätige Alltag in Israel auch die Liebe deformiert, aber muss deine Freundin im Roman deshalb unbedingt Analsex praktizieren?
Scream Queens am Toten Meer ist ein gut lesbares Dokument der Hilflosigkeit. Die Irren klingen vernünftig, die Armee erscheint ziemlich irre, und jede Begegnung mit einem Araber steht unter Terrorismusverdacht. Gilad Elbom hat einige Szenen entworfen, die illustrieren, wie sehr der Alltag in Jerusalem von der Erwartung bestimmt ist, dass der Nachbar immer dein Feind ist.
Das ergibt (mit voller Absicht) keine richtige Geschichte und ist in Teilen nicht originell, manchmal sogar ermüdend, weil Elbom den Roman überlädt. Er zitiert Gebrauchsanweisungen, Gutachten, Zeitungen und sehr viel Heavy Metal-Songs. Dieses Patchwork-Schreiben bringt das Buch nicht weiter, soll ihm aber eine heitere Form der Beliebigkeit verleihen.
Am überzeugensten ist Elbom, wenn er einfach nur Szenen entwirft: den Alltag in der Klinik (mit seinen liebevoll skizzierten Insassen), einen Besuch im arabischen Hinterland, eine herrlich sinnlose Irrfahrt im Auftrag der Armee - ohne viel Blendwerk schält sich da immer wieder eine große Traurigkeit und Verlorenheit heraus. Auch wer den politischen Irrsinn erkennt, kann ihn nicht ändern.
Elbom, der in einer psychiatrischen Klinik arbeitete, ist in die USA ausgewandert, wo dieser Roman, sein erster, entstand.
Thomas Friedrich
Gilad Elbom: Scream Queens am Toten Meer Aus dem Englischen von Thomas Mohr. Rogner & Bernhard bei 2001, Berlin 2004, 303 S., 16,90, nur bei 2001; ISBN: 3807700609