Walter Moers

Blaubär revisited

Der zweiterfolgreichste Bär der Literaturgeschichte bekommt eine Jubiläumsprachtausgabe spendiert

Wahrscheinlich hat seit Ulrich Wickert kein Autor die Literaturgeschichte so hemmungslos geplündert. Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär ist Parodie, Seemansgarn, Kinderbuch und Nonsens-Fibel in einem. Treibend in einer Nußschale, wird der kleine Blaubär von den Zwergpiraten aufgenommen: "Die Zwerpiraten befuhren die Meere auf winzigen Schiffen, immer auf der Suche nach etwas, das klein genug war, damit sie es kapern konnten. Was sehr selten geschah. Eigentlich nie. Um die Wahrheit zu sagen: In der ganzen Geschichte der Seefahrt wurde niemals auch nur ein einziges Schiff, nicht mal ein Ruderboot, von Zwergpiraten erfolgreich gekapert." "Ganze Tage verbrachten sie damit, mir schauerliche Piratenlieder vorzusingen", erzählt der alte Käptn Blaubär. "Einmal versuchten sie sogar mir zuliebe, ein Schiff zu kapern, das mindestens tausendmal größer war als ihr eigenes. An diesem Tag habe ich alles gelernt, was man über das Scheitern wissen muß."

Als er zu groß (und zu dick) für die Zwergpiraten wird, setzen die ihn auf einer Insel aus, wo er Bekanntschaft mit den Klabauter-Geistern macht, einer fleischfressenden Insel, einem kurzsichtigen Rettungssaurier - und der Schule des Professor Nachtigaller, wo man lernt, was die Welt im Innersten zusammenhält: "Ich bin neuerdings der Ansicht, daß sich das Weltall gar nicht ausdehnt. Es zieht sich auch nicht zusammen. Es wackelt nur."

Ein Blaubär hat 26 Leben, erfahren wir. Und müssen daher mit einem zweiten Teil rechnen. Dabei hat schon der erste seine Längen. Zwar ist Moers ein Meister der skurrilen Details, der seltsamen Namen und des lakonischen Humors, aber ein Großteil seines Romans besteht aus Listen und Aufzählungen: Drei Seiten lang beschreibt er die verrückten Einwohner von Atlantis (was wirklich komisch ist), aber einen Erzählkosmos, in dem diese Wesen dann agieren könnten, entwirft er nicht. Trotzdem amüsiert man sich prächtig mit dem blauen Bären. Moers hat einen Tonfall gefunden, der noch die eintönigste Aufzählung unterhaltsam klingen lässt. Etwa die Aufzählung der seltsamen Namen, mit denen die Gimpel sich schmücken: Fneckfepfepperepell M. Schrabschubschadenschrublade - "wobei ich wirklich nicht wissen möchte, wofür das M. stand". Das ist komisch.

Zitatende.

Mit obigem (hier leicht gekürzten) Text stellten wir vor 13 Jahren jenes Buch vor, mit dem Walter Moers endgültig die Seiten wechselte und vom erfolgreichen Comiczeichner zum erfolgreichen Autor wurde. Sein Phantasien "Zamonien" und sein Käpt'n Blaubär haben seitdem viele Stadien der Medienverwurstung und Expansion durchlaufen, nicht alles davon war witzig, manches davon so überflüssig wie ein Musical, aber alles ziemlich erfolgreich. Knaus, der neue Verlag des Walter Moers, gönnte sich und seinem Autor jetzt eine Neuauflage des dicken bebilderten Romans, diesmal aber mit farbigen Illustrationen. Das sieht nett aus und ist ein ideales Weihnachtsgeschenk für große und kleine Blaubären. Richtig notwendig, wie gesagt, ist das alles nicht. Aber erfolgreich.

Victor Lachner

Walter Moers: Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär: Roman, erstmals in Farbe. Knaus, München 2013, 704 S., 29,99